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New Work
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Arbeitszeit zwischen Wunsch & Wirklichkeit

Wie viel Zeit wir in die Arbeit stecken, hĂ€ngt nicht nur von unserem Wunsch und Wohlbefinden ab. Vor allem geschlechtsabhĂ€ngige Betreuungspflichten und finanzielle Überlegungen spiegeln sich in den Daten zur Arbeitszeit.

Fast jeder zehnte Mensch weltweit arbeitet 55 Stunden oder mehr pro Woche. (highlight: Damit hat er oder sie ein 35 Prozent höheres Risiko fĂŒr einen Schlaganfall und ein 17 Prozent höheres Risiko, an einer Herzerkrankung zu sterben, verglichen mit einer Arbeitszeit von 35 bis 40 Wochenstunden.) Zu diesen SchĂ€tzungen kommt eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).

In Europa sind es rund 3,5 Prozent der Bevölkerung, die derart lange Normalarbeitszeiten haben. VollzeitbeschĂ€ftigte zwischen 15 und 64 Jahren arbeiten in Österreich durchschnittlich 42,4 Stunden pro Woche (siehe Grafik 1). Der Schnitt in der EuropĂ€ischen Union1 liegt bei 41,1 Stunden (EU-28 inklusive Vereinigtes Königreich, 2019).

Grafik 1 - Arbeitszeit und Teilzeitquoten in Europa
Durchschnittliche normalerweise geleistete Arbeitsstunden von VollzeitbeschÀftigen in h (FlÀchen) und Teilzeitquote in % (Punkte)
Quelle: Eurostat, Jahresdurchschnitt 2019, ErwerbstÀtige 15-64 Jahre

Abgesehen von GesundheitsgefĂ€hrdungen durch jahrelange Überlastung, beeinflussen vor allem lange Tagesarbeitszeiten unser Wohlbefinden: ErmĂŒdungserscheinungen treten nach acht, spĂ€testens zehn Stunden Arbeit auf, erklĂ€rt Gerhard Blasche, Psychologe am Zentrum fĂŒr Public Health der Medizinischen UniversitĂ€t Wien: „Das bedeutet erstens ein höheres Stresslevel, weil ich mich mehr anstrengen muss, zweitens habe ich weniger Zeit fĂŒr Erholung und Schlaf, und drittens brauche ich nach stressigen Arbeitstagen lĂ€nger um abzuschalten.“ In einer Untersuchung zeigten Blasche, Verena-Maria Bauböck und Daniela Haluza, dass Altenpfleger:innen nach zwei 12-Stunden-Arbeitstagen drei freie Tage benötigen, um sich nach eigener EinschĂ€tzung vollstĂ€ndig zu erholen.

Unbezahlte Arbeit

In Österreich ist die Teilzeitquote mit 27 Prozent der ErwerbstĂ€tigen von 15 bis 64 Jahren im europĂ€ischen Vergleich hoch. Teilzeitarbeit ist dabei klar geschlechterabhĂ€ngig: Fast die HĂ€lfte aller Frauen und nur jeder zehnte Mann zwischen 15 und 64 Jahren arbeitete 2019 in Teilzeit (siehe Grafik 2). Der Hauptgrund fĂŒr Teilzeitarbeit liegt dabei fĂŒr Frauen in der Kinderbetreuung, fĂŒr MĂ€nner in der Aus- und Weiterbildung. 

Grafik 2 - Teilzeit und GrĂŒnde nach Geschlecht
Quelle: Eurostat, Jahresdurchschnitt 2019, ErwerbstÀtige 15-64 Jahre

HaushaltsfĂŒhrung, Kinderbetreuung, Freiwilligenarbeit und deren gesundheitlichen Auswirkungen fließen weder in die Arbeitsmarkt- noch in die Gesundheitsstatistiken ein. Die aktuellste reprĂ€sentative Studie fĂŒr Österreich ist die Zeitverwendungserhebung der Statistik Austria 2008/09. Sie hat gezeigt, dass Frauen im Durchschnitt pro Tag fast doppelt so viel Zeit fĂŒr unbezahlte Arbeit aufbringen als MĂ€nner, nĂ€mlich 4 Stunden 53 Minuten.

Da Frauen hÀufiger durch familiÀre Verpflichtungen beansprucht werden als MÀnner, sei ihre mentale Gesundheit bereits bei 38 Stunden Wochenarbeitszeit gefÀhrdet, hat eine australische Studie ergeben. Bei MÀnnern liege die GefÀhrdungsschwelle bei 43,5 Stunden.

ArbeitszeitwĂŒnsche

In Österreich sind Frauen jedoch, laut den Daten der Statistik Austria vor der Corona-Pandemie, mit ihrer Arbeitszeit grĂ¶ĂŸtenteils zufrieden: Fast drei Viertel der weiblichen ErwerbstĂ€tigen wĂŒnschen keine VerĂ€nderung ihrer Arbeitszeit – und sogar fast jede zehnte unselbstĂ€ndig ErwerbstĂ€tige wĂŒrde gerne mehr Stunden pro Woche arbeiten. Etwa ein FĂŒnftel der UnselbstĂ€ndigen beiden Geschlechts wĂŒrde gerne weniger arbeiten.

Grafik 3 - ArbeitszeitwĂŒnsche unselbststĂ€ndig ErwerbstĂ€tiger
Quelle: Statistik Austria, Mikrozensus-ArbeitskrÀfteerhebung, Jahresdurchschnitt 2019

Bei den selbstĂ€ndigen MĂ€nnern sind es sogar fast zwei FĂŒnftel, die sich eine Arbeitszeitreduktion wĂŒnschen (siehe Grafik 3). Allerdings gilt es zu beachten, dass in der Antwort auch der finanzielle Verlust, der damit verbunden wĂ€re, berĂŒcksichtigt werden sollte. So können sich wohl viele BeschĂ€ftigte eine Arbeitszeitreduktion bei niedrigerem Einkommen schlichtweg nicht leisten, Stichwort Alleinerziehende. 

Grafik 4 - ArbeitszeitwĂŒnsche SelbststĂ€ndiger und Mithelfender
Quelle: Statistik Austria, Mikrozensus-ArbeitskrÀfteerhebung, Jahresdurchschnitt 2019

Regula Blocher ist Academic Coordinator an der FHWien der WKW. Dort unterrichtet sie im Studienbereich Journalismus & Medienmanagement die FĂ€cher Datenjournalismus und Multimedia.

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